3D Druck im
Fingerboarding
Was ist überhaupt ein Fingerboard?
Einfach ausgedrückt ist es nichts anderes als ein Miniaturskateboard im Maßstab 1:8. Zwar gab es bereits in den 1970er Jahren erste Berichte darüber in Skateboard Magazinen, der Trend nahm jedoch erst in den 1990er Jahren so richtig an Fahrt auf, als ein Spielzeughersteller anfing Fingerboards zu produzieren. Die Ära der ersten detailgetreuen Nachbildungen begann und die Firma „Tech Deck“ wurde geboren.
Tech Deck ist bis heute der Marktführer von Amateur Fingerboards aus Kunststoff. Diese sind vor allem wegen dem geringen Preis bei Einsteigern und Kindern sehr beliebt.

Wie fingerboardet man?
In der Regel wird mit Zeige- und Mittelfinger, stellvertretend für beide Beine, geskatet. Mit dem Fingerboard sind so gut wie alle Tricks möglich die man mit dem Skateboard machen kann. Diese Tricks kann man beim Fingerboarden auf ein neues Level bringen, da man im Vergleich zum echten Skateboarden viel höher springen kann und noch viel verrücktere Kombinationen machen kann.
Beim Fingerboarden wird ähnlich wie beim Skateboarden in verschiedene Kategorien unterteilt wie z.B. das „Vert Skaten“, also Skaten in hohen Halfpipes, das „Bowl Skaten“, also Skaten in schüsselartigen Parks, sowie das „Street Skaten“, also Skaten auf der Straße. Hier werden mittlerweile Straßenabschnitte in funktionalen Dioramen dargestellt.

Warum Fingerboarden?
Früher war es ein Gimmick für Skateboarder ein Fingerboard zu besitzen. Sobald es geregnet hat und das Skateboarden dank des Wetters nicht denkbar war, konnten sie sich in das Haus zurückziehen und ihre Lieblingstricks auf dem Fingerboard nachahmen.
Heute hingegen fahren nicht nur Skateboarder Fingerboard, sondern es hat sich eine eigenständige Szene herausgebildet. Diese besteht jetzt aus den verschiedensten Personen, die aus den verschiedensten Bereichen kommen. Comedy-Größe Simon Gosejohann ist ein bekannter Fingerboarder in der Szene – nur um ein Beispiel zu nennen.
Szene in Deutschland seit Ende der 90er
Ende der 1990er Jahre wurde das Fingerboarden auch im deutschsprachigen Raum beliebt und die Fanbase wuchs immer weiter.
Der erste richtige Wettbewerb namens „Fast Fingers“ fand 2000 statt und wird seither jährlich in Schwarzenbach an der Saale ausgetragen. Seit 2008 ist dieses Event aufgrund stetig steigender Internationalität sogar als Weltmeisterschaft anerkannt und wird vom führenden Rampenhersteller Blackriver Ramps gesponsert.

Fingerboard Hardware
Decks
Bereits seit Anfang der 2000er Jahre werden Fingerboards aus Holz hergestellt. Diese werden fast exakt wie echte Skateboards aus dünnen, aneinander geleimten Furnierholz-Schichten geleimt und in eine Form, der sogenannten „Mold“, gepresst. Die Anzahl der „Deckmaker“ steigt kontinuierlich. Hierbei fällt die Wahl oft auf Ahornholz, da es elastisch genug zum Pressen, im geleimten Zustand jedoch sehr fest ist. Decks gibt es in unendlich vielen Variationen beispielsweise aus gefärbten Holzschichten oder edlen und seltenen Hölzer, die ein interessantes Maserungsmuster besitzen. Der neueste Trend ist die sogenannte „Real Wear Graphic“. Zwar gibt es Grafiken auf Fingerboards schon über zehn Jahre, jedoch ist die „Real Wear Graphic“ angelehnt an Grafiken der echten Skateboards die mittels Hitzetransfer auf das Fingerboard platziert werden und charakteristisch beim Slide (dem Entlangrutschen auf Objekten) abnutzen.

Flint – Japan Series 
Prete Fingerboards 
Wush Decks 
misedecks – Eins meiner selbstgepressten Fingerboards
Wheels
Die ersten Fingerboardrollen, sogenannte „Wheels“, die Kugellager besetzt waren, kamen 2002 namens „Winkler Wheels“ auf den Markt. Dies war ein großer Fortschritt zu den bisher herkömmlichen Rollen, die kaum ein sauberes Rollen auf dem Boden erlaubten. Winkler Wheels waren Rollen aus Maschinenkunststoff der mithilfe von einer Drehbank in Form gedreht wurden.

Heutzutage werden Rollen aus Urethan gegossen. Da Urethan-Rollen auch im Skateboarding genutzt werden, war es nur eine Frage der Zeit bis sich jemand entschließt diese herzustellen. Es gibt sie in allen Farben, Härtegraden und – je nach Einsatzgebiet – Formen. Sie sind nicht so hart wie Rollen aus Maschinenkunststoff sind gleichzeitig aber haltbarer und ruhiger auf unebenen Oberflächen.

Trucks
Trucks sind die zwei Achsen des Fingerboards. Sie bestehen aus zwei Teilen. Einmal dem Hangar (Oberteil), auf welches die Rollen geschraubt werden und der Baseplate (Unterteil), welches mithilfe von je vier Schrauben an das Deck geschraubt werden.
Lange Zeit waren die Achsen die beim Tech Deck-Fingerboard enthalten waren das Beste, das auf dem Markt erhältlich war. Diese wurden mit Feilen und Schleifpapier so präpariert, dass sie leichter waren und eher wie Skateboard-Achsen aussahen. Anders als beim Deck und den Wheels ist es nicht möglich Trucks zuhause oder als Hobby herzustellen, da diese aus Stahl bestehen und gegossen werden.
Der führende Rampenhersteller Blackriver-Ramps war der erste Hersteller von professionellen Fingerboard-Trucks. Sie waren anders als die Achsen der Tech Decks und besser geformt und designt um perfekt mit Kugellager-Rollen verwendet zu werden.
Da der Trend der Fingerboardbreite (2006 noch bei etwa 26mm) zu den heutigen 34mm gewandert ist, ist es nicht mehr möglich Tech Deck-Achsen zu nutzen, da diese nicht breit genug sind. Es gibt zwei namhafte Hersteller, die Trucks in dieser Größe herstellen. Teilweise findet man ähnliche Replikas aus China, die jedoch eher ungenau verarbeitet und in der Szene nicht sehr beliebt sind.


Dynamic Trucks
Tape
Mit dem Tape ist der Belag gemeint, auf dem die Finger platziert werden und der die nötige Haftung (sog. „Grip“) für die Tricks erlaubt. Anfangs nutzte man Grip-Tape, quasi Schleifpapier mit einer Klebeseite und einer etwas feineren Körnung als das Grip-Tape auf Skateboards.
Mitte der 2000er brachte die Firma Blackriver-Ramps das sogenannte „Riptape“ auf den Markt. Anders als Grip-Tape bestand es aus einer neoprenartigen EPDM Mischung. Es fühlt sich seidig auf der Haut an, verfügt über einen viel größeren Grip und verletzt die Finger nicht. Dieses Tape wurde über die Jahre weiterentwickelt und wird nun von den meisten Fingerboardern auf der Welt genutzt.

Bushings
Bushings sind Lenkgummis die aus Silikon bestehen und zwischen Baseplate und Hangar platziert werden. Sie bieten ein Reibungsschutz zwischen den Stahlteilen, sowie ein angenehmeres Kurvenverhalten der Achsen.

3D Druck
Seit Mitte der 2010er Jahre sind FDM (Fused Deposition Modeling) 3D Drucker im Hobbybereich sehr beliebt. FDM beschreibt den Vorgang wie das Material gedruckt wird. Das 3D Modell wird mithilfe einer Software (Slicer) in einzelne Schichten geteilt und diese werden dann Schicht für Schicht aus einer Düse mit geschmolzenem Filament (meist aus PLA) gedruckt. Diese Drucker werden immer günstiger und finden bei vielen Leuten ein Zuhause.

3D gedruckte Molds
Als 3D Drucker auch in der Fingerboard Szene Anklang fanden war es nur eine Frage der Zeit bis man versuchte Fingerboard Equipment zu drucken.
Die Fingerboard-Molds werden teilweise 3D gedruckt. Da man das 3D Modell in einer Software wie z.B. Fusion360 einfach bearbeiten kann und als Einzelstück mit geringen Herstellungskosten drucken kann, bietet das eine kostengünstige Alternative zu, aus Aluminium gefrästen oder von Hand geschliffenen Holz-Molds. Dienstleister wie „Fingerboard-Molds“ bieten unter anderem eben 3D-gedruckte Molds an, die vom Käufer beliebig angepasst werden können (verschiedene Winkel, Längen etc.).

3D gedruckte Fingerboards
Neben gedruckten Pressen gibt es auch komplette Decks die 3D gedruckt werden.
So gibt es Hersteller wie „Gripskin“ oder „Chems-FB“ die Fingerboards aus dem 3D Drucker verkaufen. Da diese nur etwa 8-10 Gramm wiegen, sind die Materialkosten sehr gering und auch hier kann man die Form per Software verändern und das gewünschte Modell direkt drucken. Ein Vorteil ist, dass das Fingerboard gegen Wasser geschützt ist und weniger Feuchtigkeit annimmt, als eines aus Holz. Ein Nachteil könnte die zu niedrige Steifigkeit sein und Holz wird oft als ästhetisch ansprechender empfunden. Das ist jedoch alles eine Frage des Geschmacks.

3D gedruckte Fingerboard Hardware
Wheels
Bei der Hardware kommt ein FDM Drucker an seine Grenzen. Rollen könnten zwar gedruckt werden, jedoch besteht die Gefahr, dass sich bei längerem Fahren einzelne Schichten des Drucks lösen und die Rolle unbrauchbar wird. Ein weiteres Problem stellt die Beliebtheit des Materials Urethan dar. Ende 2019 gelang es RepRap erstmals ein ähnliches Material flüssig zu drucken.
Trucks
Da Trucks aus Stahl bestehen, sind Hobbydrucker nicht in der Lage Achsen zu drucken. Die ersten 3D gedruckten Fingerboard Trucks gab es 2015 von der Firma Dynamic. Diese konnten im SLA Verfahren (Stereolithographie) gedruckt werden, welches beispielsweise in der Automobil Branche für Prototypen genutzt wird. Da die Herstellungskosten für ein so kleines Teil enorm sind, war das eher ein Prototyp Projekt.

Bushings
Da Bushings aus Silikon gegossen werden und verhältnismäßig hohe Belastungen aushalten müssen, eignet sich ein FDM nicht dafür, weil jede gedruckte Schicht einen Start- und Endpunkt hat. So würde dieses filigrane Teil bei Belastung reißen.
3D gedruckte Fingerboard Accessoires
Hier öffnen sich viele Wege, da die Einsatzmöglichkeiten endlos sind.
Boardrails
In den 80er Jahren waren sogenannte „Boardrails“ beliebt. Das sind Kunststoff-Schienen, die unter das Board geschraubt werden um bei Slides ein besseres Gleiten zu erlauben. Diese sind zwar beim Skateboarding seit den 2000ern aus der Mode, fanden jedoch im Fingerboarding Anklang. Boardrails sind entweder ebenso wie Fingerboards aus Furnierschichten geleimt oder aus Kunststoff gegossen und dienen sowohl der Gleitfähigkeit als auch als Accessoire. Boardrails können dem Fingerboard farblich angepasst oder auch als Kontraste gesetzt werden. Einige Hersteller drucken Boardrails am 3D Drucker.

Custom Boardrails
Da ich selbst einen FDM 3D Drucker besitze habe ich mir Gedanken gemacht, was für ein Produkt ich 3D drucken könnte. Bei meiner Überlegung wollte ich ein Produkt schaffen, welches funktional und auf der anderen Seite ästhetisch ansprechend ist. Seither habe ich Prototypen von „Custom Boardrails“ hergestellt. Custom Boardrails werden ebenso an die Unterseite des Decks geschraubt, sind jedoch nicht immer nur ein gerades Stück Kunststoff, sondern können einen Schriftzug oder ein Logo darstellen. Nach meiner Recherche ist es das erste seiner Art und hat nach meiner Präsentation in der Szene super Feedback bekommen.

Was ist noch möglich?
Weitere Möglichkeiten wären beispielsweise Rampen, Aufbewahrungsboxen, Halter oder auch andere Requisiten herzustellen. Wie schon erwähnt richten viele Fingerboarder einen Park wie ein Diorama mit Requisiten aus. Da die Fingerboardwelt im Maßstab 1:8 existiert und das im Modellbau leider kein beliebter Maßstab ist, findet man kaum Objekte wie Mülltonnen, Einrichtungsgegenstände oder Ähnliches mit dem richtigen Maßstab für seinen Park.
Auf meinem 3D gedruckten Zine findest ein gedrucktes Fingerboard, sowie ein gedrucktes Boardrail. Das Deck ist mit einem Foamtape ausgestattet und darf gerne mal gefühlt werden.
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